KI in der Sozialen Arbeit: Vier (zukünftige) Anwendungsfelder

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Kinder- und Jugendarbeit bietet vielfältige Möglichkeiten, die Arbeit von Fach- und Führungskräften zu unterstützen und zu bereichern. KI-Tools bringen aber gleichzeitig neue Herausforderungen mit sich, die einer kritischen Reflexion bedürfen. Diese Seite gibt einen umfassenden Überblick über vier aktuelle und zukünftige Anwendungsfelder von KI in der Kinder- und Jugendarbeit: 1. Contenterstellung, 2. Dokumentation, Administration & Berichtswesen, 3. Chatbots in der Beratung und 4. Fallarbeit.
Anwendungsfeld 1: Contenterstellung
Worum geht's?
In der Kinder- und Jugendarbeit ist die Kommunikation mit der Zielgruppe eine zentrale Aufgabe von Fach- und Führungskräften. KI kann bei diesen kommunikativen Prozessen unterstützen. Generative KI-Tools wie ChatGPT, DeepL oder Claude können genutzt werden, um Texte zu generieren, zu kommentieren, zusammenzufassen oder zu optimieren. KI kann aber auch als Impulsgeberin für kreative Prozesse eingesetzt werden, etwa bei der Erstellung visueller Inhalte wie Bilder, Videos, Flyer oder Poster, bei der Erstellung von Audioinhalten, beim Brainstorming oder bei der Entwicklung von pädagogischen Inhalten. In diesem Zusammenhang können etwa DALL-E, Sora, Midjourney, NotebookLM oder Canva verwendet werden. Darüber hinaus eröffnen KI-Tools neue Möglichkeiten der Kommunikation mit Adressat:innen.
Anwendung in Österreich (Stand: Februar 2025)
- Für die Erstellung von Content werden generative KI-Tools genutzt.
- Es werden in der Regel allgemein zugängliche Tools verwendet, die nicht spezifisch für die Soziale Arbeit entwickelt wurden.
- Organisationsspezifische generative KI-Tools fehlen weitgehend.
Potenziale
- KI generierte Inhalte können auf die Bedürfnisse und die Lebenswelten verschiedener Adressat:innen abgestimmt werden, z.B. durch die Anpassung der Sprache (etwa an die Jugendsprache). Zudem kann die Reichweite erhöht werden.
- KI-Tools können die Teilhabe von Adressat:innen fördern, indem Inhalte multimedial aufbereitet und komplexe Inhalte einfach erklärt werden.
Grenzen
- Der ungleiche Zugang zu KI-Tools kann den Digital Divide verstärken. Es besteht die Gefahr Privilegien und Ausschlüsse zu reproduzieren. Da KI-Tools auf lernenden Modellen basieren, fehlt zudem die Perspektive derjenigen, die keinen Zugang zu dieser Technologie haben. Auch zeigt sich ein Generationenkonflikt in der Nutzung von KI-Tools.
- Es besteht die Gefahr einer zu starken Vereinfachung von komplexen Inhalten sowie der Verbreitung von Halluzinationen und falschen Fakten, wenn KI generierte Inhalte nicht von Fach- oder Führungskräften überprüft werden (Human-in-the-Loop).
Anwendungsfeld 2: Dokumentation, Administration & Berichtswesen
Worum geht's?
Fachkräfte in der Sozialen Arbeit müssen Fälle verwalten, Dokumentationen führen und Berichte erstellen. Das ist ein wichtiger Teil ihrer Arbeit und hilft dabei, die Qualität und Professionalität zu sichern. KI-Tools können einen wesentlichen Beitrag zu diesen professionellen Schreibtätigkeiten leisten. Neben der Unterstützung bei der Erstellung von Berichten können KI-Tools auch bei der Analyse von Dokumentationen und Berichten helfen.
Anwendung in Österreich (Stand: Februar 2025)
- KI-Tools werden bereits bei der Erstellung von Berichten und Dokumentationen, bei der Informationssuche und Recherche eingesetzt.
- Fachkräfte greifen dabei auf die allgemein zugänglichen Tools zurück.
- Organisationsspezifische generative KI-Tools fehlen weitgehend.
- Die aktuell relevantesten Anwendungen sind: Copilot, ChatGPT, Gemini (Textgenerierung), Elicit, Semantic Scholar, Perplexity (Recherche) und DeepL Write (Textbearbeitung).
Potenziale
- Die Qualität der Berichte wird durch den Einsatz generativer KI-Tools weitgehend unabhängig von der Schreibkompetenz der jeweiligen Fachkräfte.
- (Zwischen-)Berichte können effizient und effektiv erstellt werden.
- Mit Hilfe von regelbasierten KI-Tools können Dokumente systematisch analysiert und Wissen extrahiert werden. Dadurch können beispielsweise typische Abläufe von Aktivitäten und Ereignissen sichtbar werden.
Grenzen
- Die Erstellung eines Berichts erfordert die genaue Auseinandersetzung und Reflexion z.B. mit einem Fall oder einem Thema. Wenn hierbei KI-Tools eingesetzt werden, verringern sich die Möglichkeiten der Reflexion.
- Implizites Wissen und subjektive Erfahrungen von Fachkräften können bei KI erstellten Berichten nicht berücksichtigt werden.
Anwendungsfeld 3: Chatbots in der Beratung
Worum geht's?
In der Kinder- und Jugendarbeit kann der Einsatz von Chatbots bestehende Informations- und Beratungsangebote ergänzen. Unter einem Chatbot versteht man ein System, mit dem ein:e Benutzer:in einen Dialog führen kann ('chat') und das bestimmte Aufgaben autonom erledigen kann ('bot'). Chatbot ist jedoch nicht gleich Chatbot: Je nach technologischem Ansatz können Chatbots unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Regelbasierte Chatbots reagieren auf vordefinierte Eingabemuster und halten sich strikt an vorprogrammierte Antworten und Regeln. Fortgeschrittene Systeme wie ChatGPT verwenden Large Language Models (LLMs). Diese LLMs können Interaktionen wesentlich flexibler gestalten. Sie sind in der Lage, neue Inhalte zu generieren oder aus Interaktionen zu lernen. Chatbots in der Beratung befinden sich derzeit noch in einem frühen Entwicklungsstadium und kombinieren in der Regel regelbasierte Chatbots mit KI-Elementen.
Anwendung in Österreich (Stand: Februar 2025)
- Es werden vor allem regelbasierte Chatbots zur Informationsbereitstellung und zur Orientierung für Adressat:innen angeboten.
- Nach einer ersten Vorabberatung durch den regelbasierten Chatbot werden die Adressat:innen an Fachkräfte weitergeleitet.
Potenziale
- Wenn der Einsatz von Chatbots gezielt und situativ erfolgt, beispielsweise für einfache Anfragen oder bei Anfragen außerhalb der regulären Beratungszeiten, können Fachkräfte entlastet werden.
- Chatbots sind rund um die Uhr verfügbar und ermöglichen so den Adressat:innen, jederzeit niedrigschwellig Informationen und Unterstützung zu erhalten.
Grenzen
- Regelbasierte Chatbots sind in ihrer Flexibilität und in ihren Einsatzmöglichkeiten begrenzt.
- Komplexe oder sehr emotionale Anfragen sind für Chatbots nicht geeignet und müssen zeitnah an eine qualifizierte Fachkraft weitergeleitet werden.
Anwendungsfeld 4: Fallarbeit
Worum geht's?
In der Fallarbeit können KI-Tools in der Arbeit mit Adressat:innen in den Bereichen Anamnese, Diagnose, Hilfeplanung und/oder Risiko- und Gefahreneinschätzung eingesetzt werden.
Anamnese bezieht sich auf den systematischen Prozess der Erhebung von Informationen über die Lebenssituation von Adressat:innen. Darauf aufbauend wird eine Diagnose erstellt, die als Grundlage für die Festlegung der notwendigen Unterstützungsmaßnahmen, die sogenannte Hilfeplanung, dient.
Die Risiko- und Gefährdungseinschätzung, auch als Predictive Risk Modelling bezeichnet, verfolgt das Ziel, risikobehaftete Lebenssituationen und risikoreiches Verhalten zu identifizieren, um zukünftiges Verhalten oder die Entwicklung sozialer Verhältnisse abschätzen zu können. Es wird beispielsweise im Bereich der Kindeswohlgefährdung eingesetzt.
Anwendung in Österreich (Stand: Februar 2025)
- KI-Tools werden zur Fallbearbeitung aktuell eher selten eingesetzt, am ehesten für die Hilfeplanung.
- Es werden vor allem regelbasierte Tools verwendet, da die Musterkennung und der Vergleich zu anderen Fällen im Vordergrund stehen.
Potenziale
- KI-Tools ermöglichen präventives Arbeiten durch eine frühzeitige Risikoerkennung.
- Die Möglichkeit des Vergleichs verschiedener Fälle erlaubt eine differenzierte Zielgruppenbestimmung und, darauf aufbauend, die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse.
- Bei regelbasierten Tools ist es grundsätzlich denkbar, Vorurteilen auf die Spur zu kommen und zu minimieren. Voraussetzung dafür sind transparente Datensätze und Algorithmen.
- Durch den Einsatz von KI-Tools werden vielfältige Lösungswege sichtbar. Dies kann Fachkräfte etwa bei der Hilfeplanung unterstützen.
Grenzen
- Generative KI-Tools können aktuell aus rechtlichen Gründen in Österreich nicht in der Fallarbeit eingesetzt werden.
- Regelbasierte KI-Tools sollten in der Fallarbeit nur als Ideengeberin oder Kontrollinstrument eingesetzt werden und nicht selbstständige Entscheidungen treffen können.
- Aktuell fehlt eine gemeinsame, österreichweite Datenbank als Grundlage für die Entwicklung eigener Tools. Dies würde den Datenaustausch zwischen Organisationen voraussetzen.
Zitiervorschlag: Susanne Sackl-Sharif, Sabine Klinger, Andrea Mayr & Esther Brossmann-Handler (28.02.2025). KI in der Sozialen Arbeit. Vier (zukünftige) Anwendungsfelder. https://digitalesozialearbeit.github.io/ai-socialwork/ai-application-areas